Auf Einladung des Kreisverbandes Schaumburg war der stellvertretende Bundesvorsitzende Sven Giegold am Montag Abend in Stadthagen im Kreishaus zu Gast, um über den Stand und die Perspektiven der Energiewende zu sprechen. Unter dem Titel „Energiewende 2.0 nutzen statt abwürgen“ diskutierten Gäste aus Politik, Energiebranche und Zivilgesellschaft mit zahlreichen interessierten Bürgerinnen und Bürgern über Fortschritte, Herausforderungen und konkrete Handlungsmöglichkeiten vor Ort. Viele waren gekommen und der Saal im Kreistag war sehr gut besetzt.
In seinem Vortrag zog Giegold eine Bilanz der bisherigen Energiewende. Die Transformation des Energiesystems habe deutlich an Tempo gewonnen. „Grüne Politik wirkt: Beim Ausbau von Windkraft, Solarenergie und Übertragungsnetzen kommt endlich richtig Bewegung hinein“, betonte er. Ein sichtbares Beispiel sei der Boom bei Balkonkraftwerken – inzwischen seien rund drei Millionen dieser kleinen Solaranlagen in Betrieb. Auch global habe sich die Energieerzeugung stark verändert, insbesondere durch den exponentiellen Ausbau von Wind- und Solarenergie. „Die Zukunft ist, wie wir Grünen sagen, erneuerbar“, so Giegold.
Gleichzeitig verwies er auf strukturelle Herausforderungen. Deutschland gebe weiterhin jährlich rund 80 Milliarden Euro für fossile Gasimporte aus. Während die Stromerzeugung zunehmend von erneuerbaren Energien dominiert werde, hinkten die Bereiche Wärmeversorgung in Gebäuden und Mobilität im Verkehr noch deutlich hinterher. „Drei Viertel des Weges liegen noch vor uns“, erklärte Giegold und verwies zugleich auf massive Kampagnen der Gas- und Öl-Lobby gegen die Transformation. Dennoch gebe es Fortschritte: 2025 seien erstmals mehr Wärmepumpen verkauft worden als Gas- oder Ölheizungen.
Kritisch äußerte sich Giegold zu aktuellen energiepolitischen Debatten auf Bundesebene. Ein von Bundesministerin Katharina Reiche herangezogener Monitoringbericht arbeite mit einem Minimal-Szenario für den Strombedarf. Dieses gehe davon aus, dass Industrieproduktion zurückgehe, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz kaum zunehme und der Stromverbrauch insgesamt nicht steige. Auf dieser Grundlage sei ein Zehn-Punkte-Plan entstanden, der den Ausbau ausbremse. Stattdessen brauche es den schnellen Ausbau intelligenter Stromzähler, den netzdienlichen Einsatz von Batteriespeichern, dynamische Netzentgelte sowie den zügigen Bau von Gas-Sprintkraftwerken mit rund fünf GW Leistung als Übergangslösung. Weitere Kapazitäten sollten technologieoffen über den Markt ausgeschrieben werden, etwa für Batteriespeicher.
Auch eine stärkere Differenzierung der Strompreise durch verschiedene Stromzonen innerhalb Deutschlands könne den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen. Besonders wichtig sei jedoch die Beteiligung der Bevölkerung: „Energiewende in Bürgerhand – das ist Demokratie und Resilienz“, sagte Giegold und ermutigte die Menschen vor Ort, den Wandel aktiv mitzugestalten.
Anschließend berichtete Verena Michalek von der Energieagentur über die regionale Situation. Der Ausbau von Wärmepumpen und Photovoltaik gehe zwar weiter voran, doch beim Ausbau von Photovoltaik zeichne sich aktuell eine Stagnation ab, das allerdings nur, da zuletzt eine größere Freiflächenanlage realisiert worden sei. Zudem erschwerten in Schaumburg begrenzte Flächen und Höhenbeschränkungen – etwa durch militärische Anforderungen – den Ausbau. Freiflächenanlagen seien häufig nur entlang von Verkehrswegen möglich. Der Kreistag habe dennoch das Ziel beschlossen, den Landkreis bis 2040 klimaneutral zu machen. „Der politische Wille und ein breiter Konsens für Klimaschutz sind vorhanden“, so Michalek.
Frank Tegtmeyer von der BürgerEnergieWende Schaumburg e.V. schilderte anschließend die praktische Umsetzung der Energiewende auf lokaler Ebene. Der Verein habe eine Energiegenossenschaft gegründet und plane konkrete Projekte – doch bürokratische und technische Hürden erschwerten die Umsetzung erheblich. „100 Menschen stehen auf der Warteliste und möchten investieren, aber wir planen uns teilweise zu Tode“, berichtete er. Ein Beispiel sei ein Projekt an der Sporthalle in Sachsenhagen, bei dem Genehmigungen und Abstimmungen lange dauerten. Bundesweit gebe es bereits rund 900 Energiegenossenschaften, die Energiewende vor Ort voranbringen wollten. Auch organisatorische Abläufe stellten Herausforderungen dar: So habe die Genossenschaft nach Inbetriebnahme einer Anlage 18 Monate auf erste Zahlungen durch die Direktvermarktung warten müssen.
In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, dass die bundespolitische Debatte über Photovoltaikanlagen bei vielen Handwerksbetrieben, Projektentwicklern und Verbraucherinnen und Verbrauchern für Verunsicherung sorgt. Einige Handwerksbetriebe unterstützten zwar eine kritischere Prüfung einzelner Maßnahmen, viele warnten jedoch davor, den Ausbau insgesamt auszubremsen.
Zum Abschluss rief Sven Giegold dazu auf, den Fokus auf engagierte Menschen und positive Projekte zu legen. „Es macht mehr Sinn, mit den Leuten etwas zu machen, die Lust haben, etwas zu bewegen, als sich nur über die anderen zu ärgern“, sagte er. Sein Vorschlag: lokale Treffen organisieren, bei denen Akteure der Energiewende ihre Projekte vorstellen und Erfahrungen teilen – nach dem Motto: „Tue Gutes und sprich darüber.“
Der Abend zeigte deutlich: Die Energiewende entscheidet sich nicht nur auf Bundesebene, sondern vor allem vor Ort – durch engagierte Bürgerinnen und Bürger, Kommunen und Initiativen, die den Wandel konkret umsetzen.